Ich, der Feministin

Am 8. März war Weltfrauentag. Hielten sich diesbezügliche Aktionen und mediales Echo bisher meistens in Grenzen, sah es dieses Jahr gänzlich anders aus. Einerseits wurde ein provokatives Transparent am Grossmünster angebracht, andererseits die Billetautomaten des ZVV mit Klebern versehen, welche 20% Preisaufschlag für Männer verkündeten. Beides jeweils vom jungen Kollektiv aktivistin.ch orchestriert. Bei letztgenannter Aktion half ich tatkräftig mit. Ich will nun weder über den organisatorischen Ablauf, noch über die Ablenkung umstehender ZVV-Angstellter am Bellevue berichten. Das war zwar spannend und bereitete auch dem Kind im Manne reichlich Freude, zum Nachdenken regten jedoch eher die darauf folgenden Tage an.

Foto der getanen Arbeit am Hauptbahnhof

Foto der getanen Arbeit am Hauptbahnhof

Vor allen anderen Medien berichtete 20 Minuten über die ZVV-Aktion. Wie üblich taten viele Leser ihre Meinung in der Kommentarsektion kund. Normalerweise finden sich in den Kommentaren viele Beiträge, die mit einem Augenzwinkern zu lesen sind. Diesmal hingegen ging die Mann-schaft vollends in den Sturmangriff über. Auf gänzlich unsachliche Hasstiraden, in welchen die Feministinnen als Hurensöhne (Herr, lass Hirn regnen) beschimpft oder mit dem Tode bedroht wurden, will ich gar nicht erst eingehen. Ansonsten wurden insbesondere mit Argumenten wie dem Bezahlen des Wehrpflichtersatzes oder dem höheren Rentenalter bei kürzerer Lebenserwartung blockiert. Auch der Umstand, dass Männer oftmals hartnäckiger und deshalb erfolgreicher in eine Lohnverhandlung einsteigen, wurde thematisiert.

Solche Punkte gehören definitiv auch zur Debatte. Im Gegensatz zum sehr vielschichtigen Problem der Lohndiskriminierung lassen sich diese Probleme jedoch vergleichsweise leicht auf einen Nenner bringen und gesetzlich korrigieren. Doch zumindest bei einem zentralen Problem wäre das auch im Falle der Lohndiskriminierung möglich, wenn Mann sich nicht so sehr in die Defensive gedrängt fühlen würde und sich stattdessen rationaler mit dem Thema auseinandersetzen würde. Viele tun das nicht:

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Kommentar auf 20 Minuten Online

Es gibt tatsächlich Menschen mit der Auffassung, der geringere Lohn sei ein logisches und legitimes Mittel, um quasi die Wertminderung der Arbeitskraft “Frau” auszugleichen, welche sie durch das Risiko einer Schwangerschaft erfährt. Trauriger als das ist vielleicht lediglich der Umstand, wie viel Zuspruch eine solche Aussage erhält. Dabei müsste die Arbeitskraft “Mann” zur Lösung dieses konkreten Problems lediglich eine ausgleichende Wertminderung erfahren. Wobei eine Minderung in diesem Fall nichts Negatives sein muss. Diese ausgleichende Wertminderung nennt sich Vaterschaftsurlaub und ist in vielen Ländern längst Gang und Gäbe. Es wäre eine klassische Win-Win-Situation. Ausser vielleicht aus Sicht des Arbeitgeberverbands.

Solange solche Themen nicht konstruktiv miteinander diskutiert, sondern nur gegeneinander ausgespielt werden, wird es schwierig mit dem Fortschritt.

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Transparent am Grossmünster

Das Aufkommen dieser verweigernden Haltung mag man nun vielleicht dem radikalen Charakter der durchgeführten Aktionen zuschreiben. Allerdings werden entsprechende Missstände ansonsten leider nur allzu oft übersehen oder banalisiert. Eine kleine Demo für Frauenrechte. Jaja, sollen sie ruhig. Doch nun hiess es plötzlich 20% Preisaufschlag für Männer an den ZVV-Automaten und “Gott ist eine Frau” auf dem Transparent, welches zur Mittagszeit vom Grossmünster hing. Manch Kritiker dürfte sich darüber geärgert haben, dass damit genau das getan wurde, was die feministische Bewegung unserer patriarchalisch geprägten Gesellschaft immer vorwirft: Das andere Geschlecht zu diskriminieren. Ein kleines “auch” hätte man den Männern hier doch ruhig zugestehen dürfen.

Und da manifestierte sie sich bei vielen wieder, die erwähnte Abwehrhaltung aus der Kommentarsektion. Wer sich jedoch als Mann von diesem Transparent diskriminiert fühlt, sollte dieses Gefühl nicht in bissige Kommentare kanalisieren. Das Gefühl sollte im Gegenteil dazu genutzt werden, die Sichtweise des Gegenübers besser zu verstehen. Denn hier wird Gott für einmal als Frau definiert. Wühlt man sich jedoch durch Texte und Illustrationen jeglichen Zeitalters, wird Gott stets als Mann beschrieben.

Dabei handelt es sich nur um eines von vielen Beispielen aus diversen Lebensbereichen. Das weibliche Geschlecht wird oft vernachlässigt. Bei dieser Aktion war es zur Abwechslung einmal das andere Geschlecht, das vernachlässigt wurde. Ob nun auf dem Transparent oder in der Berichterstattung, wo ebenfalls nur von Frauen die Rede war, obwohl auch Männer daran beteiligt waren. Da fühlte man sich als Mann auch irgendwie übergangen. Frauen erfahren dieses Gefühl jedoch regelmässig.

Ich bin zwar nicht immer eins mit den Forderungen der feministischen Bewegung. Aber ich engagiere mich trotzdem dafür. Denn beim Feminismus gehts nicht nur um Frauen. Lediglich das Wort hört sich reichlich danach an. Im Grunde genommen geht es um Gleichstellung. Für beide Geschlechter. Darum geht es auch die Männer etwas an.

2 Comments Ich, der Feministin

  1. Carmen

    Für das “auch” hatten wir keinen Platz mehr auf dem Transparent, sorry ;)

    Toller Text, danke. Mit der Suggerierung, dass Arbeitsausfall per se Wertminderung ist, bin ich allerdings nicht einverstanden (Und ja ich hab’ gelesen, dass du die negative Konnotation abgeschwächt hast, trotzdem). Ich bleib kurz beim Beispiel Kinderkriegen. Ich kann es nicht bestätigen, aber ich behaupte jetzt mal, dass die Skills, die man sich durch die gerade in der Schweiz unfassbar schwierige Vereinbarkeit von Familie und Karriere zwangsläufig aneignen muss, durchaus auch im Geschäftsumfeld anwenden kann. Eine Art Management-Bootcamp, und das sollte – wenn wir schon beim neoliberalen Ansatz sind – eine Wertsteigerung bedeuten. Eine, die momentan viel zu wenig Beachtung findet.

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