Eine Alternative für Deutschland. Und die Schweiz

Wahl in Sachsen Anhalt AfD auf Anhieb auf rund 24 Prozent

Landtagswahl in Sachsen-Anhalt (Quelle: spiegel.de)

Die Deutschen haben gewählt. Zumindest in einigen Bundesländern. Und die grosse Siegerin heisst Alternative für Deutschland (AfD). Vor kurzem noch belächelt, ist sie nun plötzlich vielerorts zweitstärkste Partei. Da drängt sich mir unweigerlich ein historischer Vergleich auf. Damit ist aber nicht die oft polemisch geschwungene Nazi-Keule gemeint, sondern eine Entwicklung der etwas jüngeren Schweizer Geschichte: Der Siegeszug der SVP. Unsere Versäumnisse im Umgang mit jener Partei dürfen wir nämlich auch heute noch regelmässig aufs Neue ausbaden. Deshalb hoffe ich auf eine Alternative für Deutschland zur Alternative für Deutschland.

Die SVP fristete drei Jahrzehnte lang das Dasein einer kleinen 10%-Partei. Bis in den 90er die Jugoslawienkriege ausbrachen. Die dadurch einsetzenden Flüchtlingsströme gepaart mit effektiver Propaganda sorgten für Verunsicherung in der Bevölkerung. Auch wenn viele der gehegten Ängste unbegründet waren, handelte es sich eben doch um real existierende Ängste. Auf diese Ängste vermochte die SVP mit vermeintlichen Lösungen zu antworten, während die anderen Parteien sich der Auseinandersetzung mit dem Thema grösstenteils verweigerten. Die Parallelen sind unverkennbar.

Die AfD mobilisiere nicht überzeugte, sondern enttäuschte Wähler, titelte der Spiegel am Montag nach der Wahl. Das verhielt sich auch bei SVP so. Anstatt die Ängste und Sorgen der Bevölkerung ernst zu nehmen, wurden sie ignoriert. Schlimmer noch: Das Äussern entsprechender Sorgen wurde konsequent mit Herablassung bestraft.

Statistik Schweiz Parteienstärke

Parteienstärke Schweiz (Quelle: Bundesamt für Statistik)

Wer wegen der Flüchtlingsströme eine Zunahme der Ausländerkriminalität befürchtete, war ein Rassist. Wer ein strengeres Asylwesen forderte, ein Unmensch. Und wer wegen alledem mit der SVP liebäugelte, war ohnehin ein zurückgebliebener Hinterwäldler. Und ist dies in den Augen vieler auch heute noch. Das Problem ist nur: Es handelt sich nicht nur um Hinterwäldler vom äusseren rechten Rand, die von solchen Sorgen geplagt werden. Diese Sorgen bewegen die Leute quer durch alle Bevölkerungsgruppen bis weit nach Links. Und die jeweils abefeuerten Salven gepfefferter Polemik trafen und treffen jeweils nicht in erster linie rechts Aussen, sondern finden ihr Ziel direkt in unserer Mitte. Und die so getroffenen Menschen fühlen sich nicht nur missverstanden und im Stich gelassen, sondern letzten Endes eben auch ausgegrenzt und herabgesetzt. Also hat man aufgehört, auf Antworten zu hoffen und nach diesen zu fragen, um stattdessen in aller Stille auf jene Partei zu setzen, welche als einzige konkrete Antworten versprach. Die SVP, welche ihren Wähleranteil in nur acht Jahren verdoppelte und mittlerweile gar verdreifachte.

Gefährlich ist nicht, dass ein Teil der Bevölkerung diese Ängste hegt und nach Lösungen verlangt. Gefährlich ist, diesem Teil der Bevölkerung nicht auf Augenhöhe zu begegnen und ihm stattdessen mit Hohn und Spott zu begegnen. Denn dies führt zu SVP-Wählern aus Enttäuschung. Und über die Jahre hinweg zu SVP-Wählern aus Überzeugung.

Bei politischen Debatten und Statements sollten also Moral-Keule und rhetorischer Zweihänder im Waffenschrank bleiben und stattdessen wieder verstärkt Verständnis gezeigt und rational argumentiert werden. In öffentlichen Debatten, auf Facebook, in der Familie und im Freundeskreis. Der Mensch ist offener für Argumente, wenn er sich in seinen eigenen Überlegungen verstanden fühlt.

3 Comments Eine Alternative für Deutschland. Und die Schweiz

  1. Dominik Steiner

    Eine interessante Gegenansicht meiner bisherigen Einschätzung der Lage. Denn ich denke die Wahlergebnise sind darauf zurück zu führen, dass nun 10% der deutschen Bevöljerung nun rechtes Gedankengut pflegen und dies in einer Demokratie auch einfluss hat und auch sollte, auch wenn dies aus gesammtpoltischer Ansicht nicht sein darf. Verbieten der Partei, also dem Ventil für dieses Gedankengut, ist eine Lösung, doch nicht sehr demokratisch. Stattdessen sollte mehr ein sozialer Dialog gestartet werden, der die ganze Bevölkerung erreicht. Wenn wir sagen, ein soziales Gemeinsam (ink. Ausländer) ist die Lösung, muss das auch von allen mehr oder weniger getragen werden, ansonsten werden alle Bemühungen in den Sand laufen, und die nächste SVP-Partei wartet schon auf der Lauer

    Reply
    1. SiedepunktSiedepunkt

      Genau das ist der Punkt. Die Art und Weise, wie mit dem politischen Gegner umgegangen wird, verunmöglicht schnell mal den konstruktiven Dialog und treibt etwa Leute, die grundsätzlich eher sozial denken, in die rechte Ecke, weil sie sich genau in den Punkten nicht ernst genommen fühlen, bei welchen die linke Seite eine Diskussion verweigert. Bei jeder Abstimmung gibt es Verlierer. Und umso emotionaler das Thema war, um so ernster sollte man es nehmen und die entsprechenden Leute abholen.

      Reply
  2. Dominik Steiner

    Da hasst du wohl Recht. Ich hab sowiso das Gefühl, das es viele Themas gibt, die in der Politik absolut Tabuisiert werden (Wiederspruch Macht dem Stärkeren und wir sind alle gleich, schlechte Auswirkungen des Kapitalismus, Armut und Wohlstandgesellschaft) und doch merken das die Leute in Form von Unmoralempfinden. Dass dann dise Gefühle völlig unkanalisiert ihren weg in die Gesellschaft finden, ist fast schon klar.

    Reply

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *